Ein 19faches Klangexperiment.
Unsere Neuentdeckung heißt: United Women's Orchestra, eine Big Band aus Deutschland und den Niederlanden. Das Repertoire umfaßt Modern Jazz, der sich von klangexperimenteller Musik, freien Satz- und Improvisationsformen, aber auch von Vilksmusik und traditioneller Big Band Stilistik inspirieren läßt.
Die Idee, eine Frauen Big Band zu gründen, entstand in den Workshops der Frauen machen Musik e.V. Habt Ihr Euch damals erst kennengelernt und dann gleich Nägel mit Köpfen gemacht, oder wie kam das United Women's Orchestra (UWO) zusammen?
Christina Fuchs: Es handelt sich genau genommen nur um einen
Workshop, eine Art Treffen für Interessentinnen. Dahinter steckte
die Pool-Idee, wer ist da überhaupt auf der Szene an Frauen, die Jazz
spielen? Dementsprechend amorph war die Zusammensetzung dieses ersten Treffens
dann auch. Qualitativ gesehen sehr gemischt von der Anfängerine bis
zur Profimusikerin. Teils haben wir uns dort erst kennegelernt, teils kannten
wir uns schon vorher, die Szene ist ja doch recht übersichtlich.
Hazel Leach und ich, wir haben uns allerdings erst dort getroffen,
gleich verstanden und haben beschlossen die Sache weiterzumachen. Das Prinzip
ist bis heute auch geblieben: wir bringen beide unsere Arrangements und
Kompositionen ein und arbeiten gleichberechtigt der Band.
Das war 1992 und das erste Jahr verlief äußerst chaotisch. Es wurde klar, daß es einer professionellen Ebene bedarf, um überhaupt Nägel mit Köpfen machen zu können. Dieser Prozeß ist nicht immer schön und einige Frauen haben die Band verlassen, andere sind hinzugekommen, das heißt, das Zufallsprinzip wurde durch konkrete Planung ersetzt. Ich habe die strukturelle Organisation und Leitung in die Hand genommen damit die Band eine realistische Chance im Musikgeschäft bekommt und sich finanziell selbst tragen kann. Dieser Profilierungsprozeß hat sich über einige Jahre hingezogen und immerhin ist auf diesem langen Weg circa ein Drittel der Ur-Besetzung bis heute geblieben.
Die Mitgliederzahl der Band ist nicht konstant, aus wieviel Musikerinnen besteht das aktuelle UWO?
Der aktuelle Stand beläuft sich auf 18 bis 19. Die 19. ist die Sängerin, die nicht immer und zwangsläufig dabei ist, da wir nur wenige Vokalstücke haben. Der Schwerpunkt liegt eindeutig im Instrumentalbereich. Das ändert sich derzeit aber gerade.
Heißt das, daß das Vokale in den Vordergrund gerückt und die Gesangstimme eine Leaderposition einnimmt?
Nein, natürlich nicht, also nicht im herkömmlichen Sinne. Ich bin dabei die Stimme instrumental einzusetzen, das heißt sie funktioniert wie eine Trompete beispielsweise, gibt einer Linie jedoch den human touch.
Was mir besonders an Eurer Musik auffiel, ist die unglaubliche Vitalität, das Erzählerische und Poetische. Wovon laßt Ihr Euch inspirieren? Wie entstehen die Kompositionen?
Ich kann natürlich nur für mich sprechen, da Hazel Leach prinzipiell anders arbeitet als ich, was einen großen Reiz für das Konzept dieser Band ausmacht. Wenn ich an einer Komposition arbeite, versuche ich erst einmal ein Bild, eine Stimmung oder eine Farbe zu finden, die sich in eine Klangsprache umsetzen läßt, das ist dann vielleicht das Poetische. Es liegt sicherlich an meinen Bildern im Kopf, die dazu führen, daß gerade diese Musik entsteht. Auf der Kognitiven Ebene versuche ich aber auch, nicht in gängige Muster zu fallen, was verflixt schwer ist, sie liegen wie Fallen im Weg und warten nur darauf, daß man hineintappt.
Ihr werdet als "nicht aggressiv, als sanfte Kühe des UWO.." (Michael Naura, Die Zeit) vorgestellt und öfters mit Männer Big Bands verglichen. Wie reagieren Veranstalter, andere MusikerInnen, das Publikum.. auf eine Big Band, die nicht das Alteingesessene spielt, die von Frauen geleitet wird, und in der ausschließlich Frauen Kompositionen von Frauen spielen?
Natürlich gibt es diesen Vergleich. Alle vergleichen sich ständig, das ist normal. Der Vergleich mit den Männerbands ist insofern speziell, als wir ja nun, da es keine gibt, mit Frauenband verglichen werden können. Oft kommt der Einwand, wir agierten nicht wie eine "richtige" Big Band, mit viel lautem Blech und Power ohne Ende. Und das stimmt auch. Ich für meinen Teil interessiere mich nicht besonders für diesen Aspekt der Big Band Musik, sondern für den orchestralen.
Die Reaktion auf das United Women's Orchestra ist aber durchweg positiv und vor allem weckt es Neugierde auf etwas anderes. Viele sind auch einfach beeindruckt van der Tatsache, daß wir es schaffen, dieses eigenwillige Projekt durchzuziehen und das mit Erfolg. Es gibt eben die verschiedenen Lager, einerseits die Kritiklosen, die alles gut finden, was Frauen machen, andererseits die Überkritischen, die im Extremfall schon allein die Idee einer rein weiblichen Band rassistisch finden und kategorisch ablehnen. Dann gibt es aber auch noch die Neutralen, die versuchen uns nach denselben Qualitätskriterien zu beurteilen wie sie jede andere Band auch beurteilen würden.
Hazel Leach schrieb uns, daß im Herbst eine neue CD auf den Markt käme. Können Sie uns zu diesem Zeitpunkt bereits nähere Auskünfte geben?
Ja, endlich eine neue CD, aber es wird wohl Winter darüber werden. Die Studioaufnahmen sind für November geplant, die ganze Produktionszeit ist natürlich ausgedehnter. Ich denke mal, wir können die CD Anfang 99 präsentieren.
Welche neue Idee steckt hinter der zweiten CD?
Für die CD gibt es die Idee, verschiedene Sängerinnen zu featuren,
die auch für verschiedenen Vokalarten stehen, eine Leadsängerin,
eine Experimentelle und eine Instrumentale, um es einmal verkürzt
zu nennen. Inwieweit wir das realisieren können, ist noch nicht ganz
klar.