UWO Press Archives: Jazz Podium 11/98 Godehard Lutz

Back to Archives: Contents page.

Back to Main Index


Neue, originäre und originelle Musik.

Die Mainlinie- seit Bismarks Zeiten eher imaginär-ideologische Grenzlinie zwischen Nord- und Süddeutschland- für das in der heutigen Form seit 1994 existierende 18köpfige United Women's Orchestra bestand sie bis zum Juli 1998 fast real. Denn bis dahin war Frankfurt der südlichste Auftrittsort. Dank der Zähigkeit der Managerin und des Interesses des Münchner Tollwood-Festivals gelang den musikalisch vereinten Frauen nun endlich der große Vorstoß ganz in den Süden der Republik. Es wäre gelogen, wenn wir behaupten würden, daß München darauf gewartet hatte. Schließlich war das rein weibliche Orchester in unseren Gefilden bis dato weitestgehend unbekannt. Aber das sollte sich nun eigentlich ändern. Denn diese ungewöhnliche Formation verdient Interesse wegen der erfrischenden Kraft und Originalität, mit der sie zum Beispiel in München ein vielhundertköpfiges Publikum fesselte, das in erster Linie gekommen war, die doch erheblich andere Musik der Funklady Candy Dulfer zu hören.

Entstanden ist das Orchester 1992 aus einem Jazz-Workshop für Frauen. Daraus entwickelte sich "ein ganz amorpher Haufen" mit viel Spaß am Musizieren, aber auch geringer Disziplin und wenig musikalischer Ernsthaftigkeit. 1994 entsprach diese lose Band nicht mehr dem Anspruch eines Kerns, der teilweise bis heuter dabei ist. Und unter der Leitung der beiden Saxophonistinnen und Komponistinnen Christina Fuchs und Hazel Leach wurde daraus eine reguläre Big Band mit Ehrgeiz, Anspruch ung Programm. Und dieses ist nicht gerade bescheiden: Eine neue, originäre und originelle Musik muß es schon sein, nicht der übliche Big-Band-Sound alter Schule. Kein Wunder bei zwei Tonsetzerinnen vor der Band, die es selbstverständlich reizt, Stücke für ein Orchestrer zu schreiben und mit ihm aufzuführen, das sie selber abwechselnd leiten, von dem sie wissen, daß es diese Musik mit Begeisterung und das Überzeuging spielt. Und dem sie musikalisch und instrumental-technisch einiges abverlangen können. Schließlich sind alle 18 studierte oder studierende Musikprofis, die in eigenen und fremden Bands und Projekten spielen, komponieren und unterrichten. Sie machen dabei Musiktheater, Klanginstallationen, spielten und spielen Jazz, Rock, Pop, Latin, experimentelle, freie und neue Musik. Mit einem Durchschnittsalter van 33 Jahren besitzt die Band genügend Reife und Erfahrung, zugleich aber auch genügend jugendlichen Schwung, um das vielfältige Konzept in die Tat und in Klang umzusetzen. Deshalb funktioniert die Big Band trotz der räumlichen Trennung ung geringer Einkünfte so gut, daß sie sich selbst trägt, wenn bisher auch mehr schlecht als recht. Viel Idealismus ist neben dem musikalischen Können gefordert.

Natürlich hat sich die Besetzung im Laufe der vier Jahre geändert und ändert sich teilweise von Auftritt zu Auftritt. Neben der Stammbesetzung gibt es einen fast ebenso großen Pool von Ersatzspielerinnen. Schließlich kommt "frau" nur zwei- bis dreimal jährlich zu Probenwochenenden zusammen, bei denen neue Kompositionen erarbeitet werden. Ansonsten gibt es halt die Proben vor den (noch) nicht allzu zahlreichen Auftritten zwischen Rhein-Main und Hamburg, Arnheim, Köln und Berlin, und damit in dem ausgedehnten Wohngebiet der Musikerinnen. Aus Arnheim kommt die Engländerin Hazel Leach, aus Hamburg Schlagzeugerin Annette Kayser, aus Aachen Regina Pastuszyck, die ihre Bassklarinette auch schon in Klarinettenquartett C14 und mit Pinguin Moschner, Maggie Nichols, Baby Sommer, Misha Mengelberg und Barry Guy tönen ließ. Kölnerinnen sind die Trompeterin Susanne Riemer und die Saxophonistinnen Christina Fuchs und Christine Hörmann (die ihr Bariton auch in der Frauenband Reichlich Weiblich, in Big Bands u.a. mit Sigi Busch, Tom van der Geld, Uli Beckerhoff und unter Jiggs Whigham, in den Musicals "Starlight Express" und "Grease" spielte). Aus Dortmund und Düsseldorf kommen Marie-Christine Schröck, sax, Sandra Horn, tp, Michaela Mohr, perc, und Sängerin Sam Leigh-Brown, aus Berlin Sabine Ercklentz, tp, Meike Goosmann, as,ss,cl, Janni Struzyk, tu, Caroline Ilgner, p, kb, samples, und Ise Bosch,eb. Die süddeutsche Abteilung besteht aus den drei Frankfurterinnen Corinna Danzer, as, fl, und den Posaunistinnen Viola Engelbrecht und Henriette von Lenthe.

Premiere hatte das United Women's Orchestra auf dem "European Women in Music Congress" 1994 in Remscheid, seitdem spielte es unter anderem auf Festivals in Berlin, Dortmund, Hamburg, beim Jazzmeeting des WDR im Kölner Stadtgarten und in der Alten Oper in Frankfurt. 1996 nahm es in Holland die erste CD auf, natürlich als eigene Produktion (s.JP 9/96). Im Herbst werden aufnahmen für den zweiten Tonträger gemacht.

Alle Stücke des UWO stammen aus den Federn der beiden Leiterinnen, für die das Orchester so etwas ist wie ein weiteres Musikinstrument. Diese Möglichkeit ist ursprüngliche Motivation und ständiger Anreiz für beide. Wichtig ist ihnen dabei auch, daß ihre Mitmusikerinnen aus eigenem Antrieb heraus in der Band sind, daß sie die Kompositionen verstehen und deshalb von innen heraus spielen können. Gut vier Stunden Konzertdauer könnte die Band so heute bereits bestreiten. Beide Komponistinnen mögen tanzbare Musik ebenso wie freie. Die eine, Hazel, kommt vom traditionellen Big-Band-Jazz her, die andere, Christina, bevorzugt gerade Rhythmen und ungerade Taktarten und liebt das Experimentelle. Beide Schreiben unabhängig voneinander das, was sie persönlich wollen, was ihnen gefällt, womit sie experimentieren möchten. So entsteht eine abwechslungsreiche Bandbreite in der Musik, die trotzdem durch die Lust am Experimentieren und die menschliche Übereinstimmung in der Band andererseits eine gewisse Geschlossenheit erreicht.

Die konstruktive Zusammenarbeit auf der Grundlage eines gemeinsamen Musikverständnisses und Arbeitsstils und der Spaß beim Spielen in der Band, der daraus erwächst, ist der Kitt und die Antriebskraft des Orchesters. Die Musikerinnen verfolgen in ihm ein gemeinsames Ziel, nämlich originären und professionellen Big-Band-Jazz gut zu spielen. Schon während der Probenphasen legen sie viel Wert auf eine schöpferische Arbeit miteinander und vermeiden unproduktive Konkurrenz unter- und damit gegeneinander. Was nicht heißen soll, daß sie sich mit den erreichten, unterschiedlich hohen musikalischen Fähigkeiten zufrieden geben. Sie fordern sich durchaus selbst und gegenseitig und werden von ihren Leiterinnen gefordert, die genau wissen, was sie von den einzelnen Spielerinnen erwarten können, und wie sie entsprechend einsetzen lassen. Denn Hazel und Christina setzen für den längerfristigen Erfolg des Orchesters "auf eine eigene Klangsprache, Profil und irgendwie auch Perfektion". Jiggs Whigham, der mit der Big Band mehrfach geprobt hat, Michael Naura und Joachim-Ernst Berendt bestätigen sie in ihrem Ansatz.

Die bewußte und begründete Entscheidung der Musikerinnen, in dieser Formation ausschließlich mit Frauen zusammenzuarbeiten, ist allerdings für einige Musikerkollegen schlicht, wenn auch ungewollte, Provokation. Christina Fuchs spürt bei den fast oder ganz mit männlichen Kollegen besetzten traditionellen Big Bands einen "Standesdünkel" der den Frauen des UWO den, wenn auch begrenzten, Erfolg in ihrer Selbständigkeit manchmal nicht gönnt. Das macht die beiden Leiterinnen aber nur stolz darauf, "daß man das hinkriegt, daß es einen inhaltlichen Sinn und Wert hat und durchaus bestehen kann".
Recht haben sie, und ihre Musikerinnen dürfen mit ihnen stolz sein. Und wir dürfen uns an den Ergebnissen erfreuen, hoffentlich bald auch wieder in einem Konzert südlich der Mainline. Der nächste Liveauftritt des UWO ist am 13/11 im Bürgerhaus Sprendlingen.


top