Vertical Musik: Das Kölner United Women's Orchestra.
Christina Fuchs, eine von zwei Leiterinnen des United Women's Orchestra
(UWO), kennt diese Fragen zu Genüge und reagiert dementsprechend genervt.
Es geht- natürlich- darum, wieso sie und Hazel Leach denn ausgerechnet
eine rein weiblich besetze Bigband gegründet haben. "Das hat keinen
spezifischen Hintergrund, es ist keine feministische Idee. Ehrlich gesagt,
will ich auf diese Frage auch ungern eingehen. Oder anders: Ich würde
sie gern zurückgeben. Denn es kommt ja niemand auf die Idee, Bill
Dobbins (Leiter der WDR-Bigband) zu fragen, warum er nur mit Männern
spielt. Interessanter finde ich: Warum kommt man auf die Frage? Wieso fällt
einem eine weibliche Bigband als exotisch auf?"
"Vielleicht weil man mit Jazz oder Improvisierter Musik in erster Linie
männlische role models assoziiert?" "Gut, aber dann laß uns
das umdrehen".
Aus dieser Perspektive ist die Sache tatsächlich ganz simpel. Das
UWO gibt es seit fast acht Jahren, und es hat einen kontinuierlichen Prozeß
durchlaufen, der es einfach verbietet, die Gruppe als etwas Spektakuläres
oder eben Exotisches zu verstehen. Anlaß von Fuchs und Leach, die
Gruppe ins Leben zu rufen, war einfach die Lust, für große Besetzungen
zu schreiben und die Notwendigkeit, sich dafür ein eigenes Forum zu
schaffen. ěHazel und ich hätten wahrscheinlich lange warten können,
bis unsere Kompositionen gespielt worden wären. Das war die Hauptmotivation.
Das hat eine lange Tradition, daß Leute, die komponieren, sich ein
Forum suchen. Am liebsten ein eigenes, weil man dann sicher sein kann,
daß es so läuft, wie man es sich gedacht hat"
Zeitgenössische (Jazz-)Komponisten wie George Russell oder Anthony
Braxton, die die Arbeiten von Christina Fuchs inspiriert haben, schreiben
auch ausschließlich für ihre Orchester. Und weil es seinen Reiz
hat, wenn man sich die Arbeit aufteilt und auf diese Weise ganz unterschiedliche
Impulse in die Gruppe bringt, entschlossen sich Christina Fuchs und Hazel
Leach, gemeinsam eine Bigband zu gründen.
Sicher kann das UWO an die Errungenschaften und Freiräume anknüpfen, die sich Improvisatorinnen in den letzten 30 Jahren erspielt haben. Jazz ist bis heute eine Männerdomäne geblieben, aber es gibt Musikerinnen wie Irene Schweizer, Joelle Leandre, Marilyn Crispell, Jeanne Lee oder Lindsay Cooper, die das typische Bild des wahlweise schwitzenden oder cool überlegenden Jazzers zumindest in Frage gestellt haben. Daß das UWO sich mit einer souveränen Selbstverständlichkeit präsentieren kann, liegt nicht zuletzt an dieser "Vorarbeit".
Trotzdem will die Band an den eigenen Maßstäben gemessen
werden. Während die oben genannten Musikerinnen sich im Rahmen des
Free Jazz beweg(t)en, legen Fuchs und Leach Wert auf eine klar ausgeprägte
kompositorische Handschrift. Fuchs kommt in diesem Zusammenhang auf eine
Arbeitsweise zu sprechen, die sie vertikal nennt: "Vertikal komponieren
geht von der Vorstellung aus, daß es viele Dingen, Rhythmen z.B.,
gibt, die gleichzeitig passieren und sich auftürmen. Verschiedene
Ereignisse geschehen also zu einem Zeitpunkt, haben jeweils eigene Tempi."
Weshalb man sich auch nicht davon täuschen lassen sollte, daß
ihre soeben erschienenes zweites Album "The Blue One" heißt. Auch
wenn vordergründig die Stücke zurückhaltend getragen sind
und in ihren besten Momenten einen ambienthaften, soundtrack-artigen Charakter
aufweisen, sind sie doch verspielt arrangierte und vielschichtig gestaltete
Panoramen, die die Komponistinnen in einen homogenen Entwurf umzumünzen
verstehen. Und es scheint tatsächlich so, als ob die Stücke unter
einem Oberthema, nämlich jener blauen Stunde zwischen Tag und Nacht,
auf der Titel verweist, stünden.