UWO Press Archives: Stadtrevue Köln, 6/99

Back to Archives: Contents page.

Back to Main Index


An interview by Felix Klopotek with Christina Fuchs.

Vertical Musik: Das Kölner United Women's Orchestra.

Christina Fuchs, eine von zwei Leiterinnen des United Women's Orchestra (UWO), kennt diese Fragen zu Genüge und reagiert dementsprechend genervt. Es geht- natürlich- darum, wieso sie und Hazel Leach denn ausgerechnet eine rein weiblich besetze Bigband gegründet haben. "Das hat keinen spezifischen Hintergrund, es ist keine feministische Idee. Ehrlich gesagt, will ich auf diese Frage auch ungern eingehen. Oder anders: Ich würde sie gern zurückgeben. Denn es kommt ja niemand auf die Idee, Bill Dobbins (Leiter der WDR-Bigband) zu fragen, warum er nur mit Männern spielt. Interessanter finde ich: Warum kommt man auf die Frage? Wieso fällt einem eine weibliche Bigband als exotisch auf?"
"Vielleicht weil man mit Jazz oder Improvisierter Musik in erster Linie männlische role models assoziiert?" "Gut, aber dann laß uns das umdrehen".

Aus dieser Perspektive ist die Sache tatsächlich ganz simpel. Das UWO gibt es seit fast acht Jahren, und es hat einen kontinuierlichen Prozeß durchlaufen, der es einfach verbietet, die Gruppe als etwas Spektakuläres oder eben Exotisches zu verstehen. Anlaß von Fuchs und Leach, die Gruppe ins Leben zu rufen, war einfach die Lust, für große Besetzungen zu schreiben und die Notwendigkeit, sich dafür ein eigenes Forum zu schaffen. ěHazel und ich hätten wahrscheinlich lange warten können, bis unsere Kompositionen gespielt worden wären. Das war die Hauptmotivation. Das hat eine lange Tradition, daß Leute, die komponieren, sich ein Forum suchen. Am liebsten ein eigenes, weil man dann sicher sein kann, daß es so läuft, wie man es sich gedacht hat"
Zeitgenössische (Jazz-)Komponisten wie George Russell oder Anthony Braxton, die die Arbeiten von Christina Fuchs inspiriert haben, schreiben auch ausschließlich für ihre Orchester. Und weil es seinen Reiz hat, wenn man sich die Arbeit aufteilt und auf diese Weise ganz unterschiedliche Impulse in die Gruppe bringt, entschlossen sich Christina Fuchs und Hazel Leach, gemeinsam eine Bigband zu gründen.

Sicher kann das UWO an die Errungenschaften und Freiräume anknüpfen, die sich Improvisatorinnen in den letzten 30 Jahren erspielt haben. Jazz ist bis heute eine Männerdomäne geblieben, aber es gibt Musikerinnen wie Irene Schweizer, Joelle Leandre, Marilyn Crispell, Jeanne Lee oder Lindsay Cooper, die das typische Bild des wahlweise schwitzenden oder cool überlegenden Jazzers zumindest in Frage gestellt haben. Daß das UWO sich mit einer souveränen Selbstverständlichkeit präsentieren kann, liegt nicht zuletzt an dieser "Vorarbeit".

Trotzdem will die Band an den eigenen Maßstäben gemessen werden. Während die oben genannten Musikerinnen sich im Rahmen des Free Jazz beweg(t)en, legen Fuchs und Leach Wert auf eine klar ausgeprägte kompositorische Handschrift. Fuchs kommt in diesem Zusammenhang auf eine Arbeitsweise zu sprechen, die sie vertikal nennt: "Vertikal komponieren geht von der Vorstellung aus, daß es viele Dingen, Rhythmen z.B., gibt, die gleichzeitig passieren und sich auftürmen. Verschiedene Ereignisse geschehen also zu einem Zeitpunkt, haben jeweils eigene Tempi."
Weshalb man sich auch nicht davon täuschen lassen sollte, daß ihre soeben erschienenes zweites Album "The Blue One" heißt. Auch wenn vordergründig die Stücke zurückhaltend getragen sind und in ihren besten Momenten einen ambienthaften, soundtrack-artigen Charakter aufweisen, sind sie doch verspielt arrangierte und vielschichtig gestaltete Panoramen, die die Komponistinnen in einen homogenen Entwurf umzumünzen verstehen. Und es scheint tatsächlich so, als ob die Stücke unter einem Oberthema, nämlich jener blauen Stunde zwischen Tag und Nacht, auf der Titel verweist, stünden.


top