UWO Press Archives: clarino.print 6/07

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United Womenís Orchestra...nicht nur musikalische frauenpower pur
Franz X.A.Zipperer, clarino.print 6/07

Das United Womenís Orchestra wurde 1992 von 18 Musikerinnen internationaler Herkunft gegründet und bereichert seitdem in einmaliger Weise die europäische Musikszene. Seit ihrer Premiere bei dem "European Women in Music Congress" in Remscheid profiliert sich die Band nunmehr im 15. Jahr. Christina Fuchs und Hazel Leach, die beiden Leiterinnen, kitzeln bei jedem Konzert das exorbitante künstlerische Potenzial des Orchesters aufs Feinste hervor. Außerordentlich spannend und originell, klug und kühn arrangiertes Material gelangt regelmäßig zur Aufführung.

Gespielt werden ausschließlich Eigenkompositionen der beide Dirigentinnen. Das Repertoire umfasst konsequent den zeitgenössischen Jazz, der sich von klangexperimenteller Musik, freien Satz- und Improvisationsformen, aber auch von Volksmusik und traditioneller Bigband-Stilistik inspirieren lässt. Der unverwechselbare Ensembleklang des United Womenís Orchestra besticht durch fantasievollen Umgang mit Rhythmen, hinreißende solistische Ausflüge und eine ureigene vitale, erzählerische Ausdruckskraft. Bisher wurden drei CDís eingespielt, zahllose Konzerte gegeben, und über ein Ende denkt keine der Beteiligten nach. Gleich vier der starken Frauen standen für ein Gespräch zur Verfügung- Christina Fuchs (leitung, Bassklarinette und Tenorsaxofon), Corinna Danzer (altsaxofon und Querflöte), Silke Eberhard (Bassklarinette und Klarinette) und meike Goosmann (Sopransaxofon, Altsaxofon und Klarinette). Letztere  ist neben den beiden Bandleaderinnen das einzig verbliebene Gründungsmitglied des United Womenís Orchestra.

Eine reine Frauenbigband in Zeiten der ach so großen Emanzipationserfolge, ist das nicht ein Anachronismus? Etwas von gestern? Braucht das irgendwer? "Das kommt ganz klar auf die Zielrichtung der Fragestellung an" kontert Christina Fuchs. "Ist es eine rein politische Frage?". Doch dann überlegt Christina Fuchs ein wenig, zögert und wird von Silke Eberhard sekundiert. "Oder kann und darf diese Frage doch in der Gänze der Grundsätzlichkeit gestellt werden? Zumindest kann sie so grundsätzlich beantwortet werden". Meike Goosmann gibt dabei zu bedenken. "dass mit Karolina Strassmeyer gerade mal seit 2004 die erste Frau festes Mitglied der WDR-Bigband ist und es gar 2006 werden musste, bis es zum ersten Mal in der Geschichte der NDR-Bigband mit Christina Fuchs eine weibliche Bandleitung gab- zeigt dies nicht, wie weit wir noch entfernt sind von einem souveränen Umgang mit Geschlechtern im Jazz?" Damit wird es wieder politisch, aber wieder nicht nur; denn wer musikalisch nichts zu sagen hat, der wird sicherlich die beiden genannten Positionen erst gar nicht ausfüllen können. Egal ob Männlein oder Weiblein.

Wer ein Konzert des United Womenís Orchestra gesehen und vor allem gehört hat, den werden die geschlechtsspezifischen Gegebenheiten gar nicht mehr interessieren. Es geht um Musik. Um nicht mehr und nicht weniger. Darauf legen auch die vier Musikerinnen im Gespräch den Schwerpunkt. Und es ist ein überaus frischer Klangwind, der einem da um die Ohren weht. Ein Klangwind, welcher der erstarrten Bigband-Landschaft neue und glanzvolle Impulse verleiht. Die Kraft der Impulse zeugt deutlich davon, dass hier kontinuierlich ein Klangkörper heranwachsen durfte. Gewachsen, ja, "aber nach wie vor ein ideelles Projekt. das eigentlich viel zu schlecht bezahlt ist", gibt Christina Fuchs zum Besten. "Doch die Politikfrage hat sich deutlich in Richtung musikalische Fragen verschoben. Bei manchen Dingen vermischen sie sich dann auch. Beim Improvisieren ganz besonders, Improvisieren lernen ohne Angst war für mich in Frauenzusammenhängen unglaublich wichtig. Ich konnte Sachen ausprobieren, ohne dass mir jemand den Kopf abriss, wenn ich mal eine falsche Note spielte. Wenn einfach mal Können am Instrument vorausgesetzt wird, gibt es sicherlich einen weiblichen Blick auf Musik. Der Klangkörper hatte auch nur deshalb die Chance, so zu wachsen, wie er heute von der Kritik positiv besprochen wird, weil Frauen anders arbeiten und denken. "Das United Womenís Orchestra bietet in seiner Arbeit auch eine Bestandsaufnahme des weiblichen usikalischen Denkens. Corinna Danzer fasst dies so zusammen: "Auch musikalisch denken Frauen wirklich anders. Sie sind vor allem kooperativer. Sie schaffen ein besonderes Arbeitsklima, ein Klima, in dem mehr möglich ist. So entsteht ein sehr unterstützendes Miteinander. Das ist für mich auch der Grund, warum es so viel Spaß macht, in dieser Formation zu spielen. Es ist sehr inspirierend. Auch meine anderen Projekte profitieren von der Arbeit hier". Genau diese Freiheit des Zusammenkommens auf ideeller Basis biete den Frauen auch die absolute künstlerische Freiheit, die vom United Womenís Orchestra optimal genutzt wird.

Das weibliche Ohr

Hört man den Frauen beim Konzertieren zu, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Frauen einfach mehr Gefühl für Sound haben. Stets transparente Bläsersätze und glasklarer markanter Restsound legen davon eindrucksvoll Zeugnis ab. Hingegen kommt bei männlichen Bigbands oft das Gefühl auf, die einzelnen Musiker warten nur auf ihre Soli, um sich profilieren zu können- und verbreiten so bandweit eine gewisse Unruhe, um dann doch ins Klischeehafte abzudriften. Beim United Womenís Orchestra stehen zwar auch 18 Solistinnen auf der Bühne, die natürlich genauso auf ihre Ausflüge in die individuelle Freihet warten. Doch dabei geht der Gesamtsound des Orchesters nicht verloren, das persönliche Statement wird so zu einem kollektiven, denn schließlich ist der Gesamtklang viel mehr als die Summe seiner Einzelteile. Musik kommt hier als emotionales Kraftfeld daher, voller ästhetischer Spontaneität.

Männliches Musikschaffen versus weibliches Musikschaffen? Das sollte kein Gegensatz sein. Christina Fuchs kann und will dies nicht konfrontativ angehen. "Es kommt genau auf diesen Unterschied an, und gerade im Unterscheid liegt die Möglichkeit der Begegnung auf gleicher Augenhöhe." Nur so können die Kategorien wieblich und männlich in der Kunst aufgehoben werden. Wenn auf den Jazz bezogen jemand dazu einen Beitrag leistert, dann ist es das United Womenís Orchestra, dem hoffentlich noch mehrere Fünfzehn-Jahres-Intervalle beschert sind.


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